Begleitet wird er von einer Delegation aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Anlass der Reise sind das 80-jährige Bestehen Nordrhein-Westfalens und das 65. Jubiläum des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens.
Ein weiterer Anlass sind die Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit, die die Deutsche Botschaft Ankara zusammen mit dem Land Nordrhein-Westfalen als Co-Gastgeber ausrichtet. Es ist die erste Reise eines nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten in die Türkei. Wüst erklärte, keine Region sei gesellschaftlich und wirtschaftlich so eng mit der Türkei verbunden wie Nordrhein-Westfalen.
Rund eine Million Menschen mit Wurzeln in der Türkei lebten in Nordrhein-Westfalen, ein Drittel aller Türkeistämmigen in Deutschland. Sie seien selbstverständlicher Teil des Landes.
In unsicheren Zeiten seien stabile Partnerschaften wichtiger denn je. Deshalb wolle man die Zusammenarbeit dort vertiefen, wo gemeinsame Interessen bestünden.
Europa und die Türkei rückten durch die weltweiten Veränderungen näher zueinander. Als NATO-Mitglied mit hohem politischem und militärischem Gewicht könne die Türkei eine wichtige, konstruktive Rolle bei den Herausforderungen dieser Zeit einnehmen.
Nordrhein-Westfalen sehe sich auch mit Respekt für die Lebensgeschichten von so vielen Menschen in eigener Verantwortung. Es sei an der Zeit, ein neues Kapitel in den Beziehungen zur Türkei aufzuschlagen.
Gerade als gute und enge Partner könne man kritische Fragen und Themen, bei denen man unterschiedlicher Auffassung sei, einfacher ansprechen und für Verbesserungen eintreten. Man wolle den Blick auf das Positive richten für eine gestärkte Zusammenarbeit in der Zukunft. Zum Auftakt besucht Wüst gemeinsam mit dem Henkel-CEO Carsten Knobel das Henkel-Werk in Elmadağ bei Ankara.
Es ist das weltweit zweitgrößte Werk des Düsseldorfer Unternehmens und beliefert von dort aus den Mittleren und Nahen Osten sowie Afrika. Anschließend legt der Ministerpräsident am Atatürk-Mausoleum Anıtkabir einen Kranz nieder.
Am Nachmittag führt er politische Gespräche. Danach kommt er zu einem C-Level-Investorengespräch mit Spitzenvertretern türkischer Unternehmen zusammen und stellt den Wirtschafts- und Investitionsstandort Nordrhein-Westfalen vor. Zu den Schwerpunkten der Reise gehören der Ausbau der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und geopolitischen Beziehungen zwischen Nordrhein-Westfalen und der Türkei.
Für nordrhein-westfälische Unternehmen gewinnt die Türkei angesichts geopolitischer Umbrüche als Produktionsstandort und zur Diversifizierung von Lieferketten an Bedeutung. Umgekehrt wirbt die Landesregierung vor Ort um den Ausbau türkischer Investitionen in Nordrhein-Westfalen.
Ein weiteres Ziel ist, die über Jahrzehnte gewachsene Migrationsgeschichte sichtbar zu machen, die beide Länder verbindet. Die Reise würdigt damit auch die Lebensleistung der Menschen, die seit dem Anwerbeabkommen von 1961 als sogenannte Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland und insbesondere nach Nordrhein-Westfalen gekommen sind. Am Dienstag, 29. September, führt Wüst seine politischen Gespräche in Ankara fort.
Anschließend fungiert er beim Empfang zum Tag der Deutschen Einheit in der Deutschen Botschaft in Ankara als Co-Gastgeber. Zu dem Empfang werden rund 1.500 Gäste erwartet.
Nordrhein-Westfalen prägt die Veranstaltung mit eigenen Elementen, etwa bei der kulinarischen und der musikalischen Umrahmung. Am Dienstagabend reist Wüst gemeinsam mit der Delegation weiter nach Istanbul. In der Kulturakademie Tarabya verleiht er die Mevlüde-Genç-Medaille an den aus Nordrhein-Westfalen stammenden Fußballspieler und ehemaligen Kapitän der Deutschen Fußballnationalmannschaft İlkay Gündoğan für sein besonderes gesellschaftliches Engagement.
Am Mittwoch, 30. September, nimmt Wüst an einer NRW-Türkei-Wirtschaftskonferenz teil, die die landeseigene Außenwirtschaftsförderungsgesellschaft NRW.Global Business gemeinsam mit dem türkischen Außenwirtschaftsrat DEIK ausrichtet. Zum Abschluss unternimmt er mit Zeitzeugen einen historischen Stadtspaziergang durch die Viertel Tophane und Karaköy, in denen sich einst die deutsche Anwerbestelle für die Arbeitsmigration befand.
Die Stationen zeichnen die ersten Schritte der Menschen nach, die sich auf den Weg in ein neues Leben nach Deutschland gemacht haben. Das Anwerbeabkommen wurde am 30. Oktober 1961 durch den Austausch von Verbalnoten zwischen dem Auswärtigen Amt in Bonn und der Türkischen Botschaft geschlossen. Ziel war es, zunächst für zwei Jahre Arbeitskräfte für die stark wachsende deutsche Wirtschaft zu gewinnen.
In den darauffolgenden zwölf Jahren reisten rund 867.000 Frauen und Männer aus der Türkei nach Westdeutschland ein, vor allem ins Rheinland und ins Ruhrgebiet, um dort in den Zechen, an Förderbändern und in den Fabrikhallen zu arbeiten. 1964 wurde die ursprünglich vorgesehene Befristung auf zwei Jahre aufgegeben, ein dauerhafter Aufenthalt wurde möglich.
Durch den erleichterten Nachzug holten viele Eingewanderte ihre Familien nach. Aus einem befristeten Arbeitsaufenthalt wurde für viele eine neue Heimat.
Diese Entwicklung prägt Nordrhein-Westfalen bis heute. Nordrhein-Westfalen ist Heimat für rund eine Million Menschen mit Wurzeln in der Türkei, knapp 500.000 von ihnen mit türkischer Staatsangehörigkeit. Das ist ein Drittel aller in Deutschland lebenden Menschen mit türkischem Pass.
Die größten Gemeinschaften bestehen in Köln, Duisburg, Dortmund, Gelsenkirchen und Düsseldorf. Das jährliche Handelsvolumen zwischen Nordrhein-Westfalen und der Türkei liegt stabil bei 10 bis 12 Milliarden Euro und damit bei rund einem Fünftel des gesamten deutsch-türkischen Handels.
Im vergangenen Jahr kamen aus der Türkei die meisten ausländischen Direktinvestitionen nach Nordrhein-Westfalen. Zwischen 25.000 und 30.000 kleine und mittlere Betriebe im Land werden von Menschen mit Wurzeln in der Türkei geführt.
Mehr als die Hälfte aller Studenten aus der Türkei in Deutschland ist an nordrhein-westfälischen Hochschulen eingeschrieben. Rund 35 Städtepartnerschaften verbinden beide Länder, fast jede zehnte Kommune des Landes hat einen türkischen Partner.
Mit vier Generalkonsulaten der Republik Türkei beherbergt Nordrhein-Westfalen mehr türkische Auslandsvertretungen als jedes andere Bundesland.