Manchmal braucht es gar nicht viel, damit sich im Leben eines Kindes etwas verändert. Einen gedeckten Tisch nach der Schule. Einen ruhigen Platz für die Hausaufgaben. Einen Erwachsenen, der zuhört und nachfragt. Freunde, mit denen man lachen kann. Und vor allem die Gewissheit, dass all das morgen noch da sein wird. Seit 2014 ist unser Schutzengel-Haus in Berlin-Steglitz ein solcher Ort für Kinder und Jugendliche, deren Familien mit sozialen und finanziellen Belastungen leben. Rund 40 Kinder kommen täglich zu uns, etwa 75 Kinder und Jugendliche gehören inzwischen zu unseren Stammgästen. Viele von ihnen begleiten wir über Jahre – manche fast durch ihre gesamte Kindheit und Jugend. Nach der Schule füllt sich das Haus mit Leben.
Rucksäcke landen in der Ecke, am großen Tisch wird gemeinsam gegessen, hinten werden Mathematikaufgaben erklärt, während nebenan gespielt, gebastelt oder einfach erzählt wird. Wer einen schwierigen Tag hatte, findet jemanden, der zuhört. Wer für eine Klassenarbeit lernen muss, findet einen ruhigen Platz und Unterstützung. Und wer vor allem hungrig ist, darf erst einmal essen.
Unser Schutzengel-Haus ist an sechs Tagen in der Woche geöffnet – von Montag bis Samstag und selbstverständlich auch in den Ferien. Denn die Sorgen eines Kindes machen am Wochenende keine Pause. Was wir den Kindern geben möchten, lässt sich deshalb nur zum Teil in Angeboten beschreiben. Es sind vor allem Verlässlichkeit, Zugehörigkeit und Beziehungen. Die Erfahrung, willkommen zu sein und einen Ort zu haben, an dem jemand wartet, fragt, wie der Tag war, und sich auch morgen noch daran erinnert. Jesse Als Jesse zum ersten Mal durch die Tür unseres Schutzengel-Hauses kam, war er acht Jahre alt. Heute ist er 16 – und noch immer kommt er fast jeden Nachmittag zu uns.
Jesse ist der Älteste von vier Geschwistern. Gemeinsam mit seiner alleinerziehenden Mutter und den drei jüngeren Kindern lebt er in einer ZweiZimmer-Wohnung unweit unseres SchutzengelHauses. Ein eigenes Zimmer hatte Jesse nie. Keinen Schreibtisch, an dem er ungestört seine Hausaufgaben machen konnte, keinen Rückzugsort zum Lernen und kaum Privatsphäre. Und häufig fehlte noch etwas viel Grundsätzlicheres: Essen. Drei heranwachsende Jungen haben großen Hunger. Wenn das Geld kaum für den Alltag reicht, wird ein voller Kühlschrank schnell zum Luxus. Deshalb gehörte es für uns irgendwann ganz selbstverständlich dazu, Jesse nicht nur bei uns satt werden zu lassen, sondern ihm und seinen Brüdern auch gekochtes Essen und Lebensmittel für zu Hause mitzugeben.
Doch Jesse hatte nicht nur Hunger auf Essen. Er brauchte einen Ort, an dem er entdecken konnte, was in ihm steckt. Im Schutzengel-Haus fand er zum ersten Mal die Ruhe und den Raum, um regelmäßig Hausaufgaben zu machen und für Klassenarbeiten und Prüfungen zu lernen. Wir saßen mit ihm über Schulaufgaben, haben erklärt, ermutigt, manchmal gedrängt und immer wieder vermittelt, warum es sich lohnt, nicht aufzugeben.
Mit den Jahren begann Jesse selbst zu verstehen, dass Bildung für ihn eine Tür öffnen kann. Als es schließlich um seine berufliche Zukunft ging, saßen wir wieder gemeinsam am Tisch. Wir recherchierten Ausbildungsmöglichkeiten, schrieben Bewerbungen und bereiteten die nächsten Schritte vor. Seine Mutter hätte ihn dabei gerne unterstützt, konnte ihm aufgrund ihrer eigenen Möglichkeiten aber vieles davon nicht geben. Jesse schaffte seinen Schulabschluss und in diesem Frühjahr begann er eine Ausbildung zum Krankenpfleger. Trotzdem kommt er noch immer fast an jedem Tag zu uns. Vielleicht erzählt genau das am besten, was das Schutzengel-Haus für ihn geworden ist. Es war nie nur der Ort für ein Mittagessen oder Hausaufgaben. Es ist ein Stück Zuhause, das ihn durch einen großen Teil seiner Kindheit begleitet hat. Und inzwischen verändert sich seine Rolle. Seine beiden jüngeren Brüder, heute neun und sieben Jahre alt, kommen ebenfalls täglich ins Schutzengel-Haus.
Sie erleben ihren großen Bruder nun als jemanden, der morgens zu seiner Ausbildung geht, Verantwortung übernimmt und seinen eigenen Weg gefunden hat. Aus dem achtjährigen Jungen, der bei uns einen Platz zum Essen und Lernen brauchte, ist ein junger Mann geworden, der seinen Brüdern zeigen kann, was möglich ist. Jesse ist kein Einzelfall. Aber seine Geschichte zeigt, was entstehen kann, wenn Hilfe nicht nach einigen Wochen endet, sondern bleibt. Was unsere Arbeit ausmacht Kinder kommen aus ganz unterschiedlichen Gründen zu uns. Manche brauchen Hilfe bei den Hausaufgaben, andere freuen sich auf das gemeinsame Mittagessen oder möchten ihre Freunde treffen.
Einige suchen Rat, wenn es zu Hause oder in der Schule schwierig wird, und manchmal braucht ein Kind schlicht einen Erwachsenen, der sich Zeit nimmt. Deshalb begleiten wir Kinder ganzheitlich. Wir kochen jeden Tag frisch, helfen beim Lernen, spielen, basteln und treiben Sport. In den Ferien verbringen wir ganze Tage miteinander, unternehmen Ausflüge und zeigen den Kindern Orte und Möglichkeiten, die viele von ihnen aus ihrem familiären Alltag nicht kennen.
Wenn aus Kindern Jugendliche werden, verändern sich die Themen. Dann sprechen wir über Schulabschlüsse, Berufswünsche und Zukunftspläne, suchen Praktikumsund Ausbildungsplätze, schreiben gemeinsam Bewerbungen und helfen dabei, aus einer zunächst vielleicht vagen Vorstellung einen realistischen nächsten Schritt werden zu lassen. Dabei geht es uns nicht darum, Familien zu ersetzen. Wir möchten dort ergänzen und stärken, wo Eltern aufgrund finanzieller Sorgen, sprachlicher Hürden oder eigener Belastungen ihren Kindern nicht alles geben können, was sie für einen guten Start ins Leben benötigen. Über Jahre entstehen so Beziehungen, in denen Kinder erfahren: Da ist jemand, der mich kennt. Jemand, der meine Stärken sieht, aber auch meine schwierigen Seiten aushält. Jemand, der mir etwas zutraut – manchmal sogar früher, als ich es mir selbst zutraue. Unsere Wirkung Rund 40 Kinder besuchen das Schutzengel-Haus Steglitz täglich.
Etwa 75 Kinder und Jugendliche gehören zu unseren Stammgästen. Seit 2014 erleben wir, dass nachhaltige Veränderung selten in großen Augenblicken beginnt. Meist wächst sie ganz leise: wenn ein Kind zum ersten Mal freiwillig seine Hausaufgaben macht; wenn es nach einem Streit lernt, wieder auf einen anderen zuzugehen; wenn aus „Das kann ich sowieso nicht“ irgendwann „Ich versuche es noch einmal“ wird. Wir erleben Kinder, die selbstständiger werden und Vertrauen in ihre Fähigkeiten entwickeln. Jugendliche, die einen Schulabschluss schaffen, obwohl ihr Weg dorthin alles andere als selbstverständlich war. Junge Menschen, die eine Ausbildung beginnen und plötzlich eine Vorstellung davon entwickeln, wie ihr eigenes Leben einmal aussehen könnte. Nicht jede Entwicklung lässt sich in Zahlen messen. Aber nach mehr als einem Jahrzehnt wissen wir, was Verlässlichkeit bewirken kann.
Einige der Kinder, die früher nach der Schule mit ihrem Ranzen zu uns kamen, sind heute junge Erwachsene. Wenn sie wieder durch unsere Tür kommen und erzählen, was aus ihnen geworden ist, wird sichtbar, warum es sich lohnt, Kindern nicht nur kurzfristig zu helfen, sondern sie über Jahre zu begleiten. Unser Ziel Die Lebensbedingungen eines Kindes dürfen nicht darüber entscheiden, welche Zukunft ihm offensteht. Ein Kind kann nichts dafür, ob zu Hause genügend Geld vorhanden ist. Ob es ein eigenes Zimmer und einen Schreibtisch hat. Ob die Eltern bei den Hausaufgaben helfen können oder wissen, wie man eine Bewerbung schreibt. Und doch beeinflussen genau diese scheinbar alltäglichen Dinge seine Chancen. Wir können diese Unterschiede nicht vollständig aufheben. Aber wir können etwas dagegensetzen. Ein offenes Haus.
Einen gedeckten Tisch. Einen Platz zum Lernen. Menschen, die zuhören und unterstützen. Erlebnisse, die den eigenen Horizont erweitern. Und die Erfahrung, dass jemand an einen glaubt und bleibt – auch dann, wenn es einmal schwierig wird. Seit 2014 versuchen wir im Schutzengel-Haus Steglitz, genau dieser Ort zu sein. Für Jesse. Für seine Brüder. Und für all die anderen Kinder, die jeden Nachmittag durch unsere Tür kommen. Kinder brauchen Orte, an denen sie wachsen können. Und Menschen, die bleiben. Wir würden uns freuen, Ihnen unser Schutzengel-Haus Steglitz und die Menschen hinter diesen Geschichten persönlich vorzustellen. Ansprechpartnerin Bianca Sommerfeld Geschäftsführerin SchutzengelWerk gGmbH 030 | 20 67 85 41