Private Altersvorsorge 2026: Was die Reform wirklich bedeutet – pAV Talk mit Prof. Dr. Michael Ortmann und Jörg Schmidt

Prof. Dr. Michael Ortmann, Alfred Hampp, Jörg Schmidt im pAV-Talk Foto: Björn Hensel

Die Reform der privaten Altersvorsorge nimmt Gestalt an. Das Bundesfinanzministerium hat dazu umfangreiche FAQ veröffentlicht, die erklären, wie das neue Altersvorsorgedepot, das staatliche Standarddepot, die neuen Zulagen und die geplanten Garantien funktionieren sollen. Doch so klar die staatlichen Vorgaben auf dem Papier wirken, bleibt für Verbraucher eine entscheidende Frage offen: Was bedeutet das für mich persönlich. Genau darüber haben wir mit Prof. Dr. Michael Ortmann gesprochen. Ergänzt wird seine wissenschaftliche Sicht durch die Praxiserfahrung von Jörg Schmidt, Vorstand der BAC.

Was die Reform im Alltag bedeutet

Prof. Ortmann fasst die Reform so zusammen: Sie kann die durchschnittlichen Auszahlungen erhöhen, sie vergrößert aber auch die Schwankungen. Wer Sicherheit braucht, muss das aktiv wählen. Wer Rendite will, muss Schwankungen aushalten können. Beratung wird dadurch nicht überflüssig, sie wird zur Bedingung dafür, dass Menschen die Reform für sich nutzen können. Die zentrale Frage verschiebt sich vom Ob zur Frage, wie viel Schwankung das eigene Leben verträgt.

Drei Lebensprofile und ihre Wirkung

Um die Lebenswirkung greifbar zu machen, hat Prof. Ortmann drei typische Profile modelliert. Die Zahlen sind vereinfachte Beispielrechnungen, die verdeutlichen sollen, warum individuelle Beratung notwendig bleibt.

Junger Sparer, 30 Jahre, 100 Euro monatlich, 35 Jahre Ansparzeit Staatlicher Fonds: Medianrente etwa 220 Euro, im schlechten Fall etwa 120 Euro. Klassisches Produkt: Median etwa 180 Euro, im schlechten Fall etwa 160 Euro. Fazit: Im Mittel mehr Rente mit dem Fonds, aber deutlich höheres Risiko für niedrige Auszahlungen. Empfehlung: Fondsanteil sinnvoll, aber Teilabsicherung prüfen.

Familie, 45 Jahre, 200 Euro monatlich, 20 Jahre Ansparzeit Staatlicher Fonds: Median etwa 260 Euro, im schlechten Fall etwa 150 Euro. Klassisches Produkt: Median etwa 230 Euro, im schlechten Fall etwa 200 Euro. Fazit: Schwankungen können Haushaltsplanung, Kreditraten oder Kinderkosten gefährden. Empfehlung: Mix‑Strategie und Liquiditätspuffer.

Rentennah, 60 Jahre, Einmalanlage 50.000 Euro Fonds im Auszahlplan: Median etwa 120 Euro, im schlechten Fall etwa 70 Euro. Klassisches Produkt: Median etwa 110 Euro, im schlechten Fall etwa 100 Euro. Fazit: Kurz vor Rentenbeginn sind Worst‑Case‑Risiken existenziell. Empfehlung: Absicherung vor Rentenbeginn.

Langlebigkeit – das unterschätzte Risiko der Reform

Ein Aspekt, der in der öffentlichen Diskussion bislang kaum vorkommt, aber für die private Altersvorsorge zentral ist, betrifft die Absicherung der Langlebigkeit. Prof. Ortmann weist darauf hin, dass die Frage, wie lange Menschen tatsächlich leben, für die Kalkulation lebenslanger Renten entscheidend ist – und dass die heutigen Verfahren hier an Grenzen stoßen.

Derzeit kalkulieren Versicherer mit sehr vorsichtigen Annahmen zur Lebenserwartung. Diese Vorsicht ist aus Sicht der Unternehmen nachvollziehbar, führt aber dazu, dass alle Versicherten so behandelt werden, als würden sie sehr alt werden. Für körperlich stark belastete Berufsgruppen, deren statistische Lebenserwartung niedriger liegt, bedeutet das: Sie zahlen im Verhältnis mehr für dieselbe lebenslange Rente. Für Menschen mit überwiegend sitzenden Tätigkeiten gilt das Gegenteil.

Ortmann sieht darin ein strukturelles Problem. Die einheitliche Kalkulation benachteiligt bestimmte Gruppen und macht Rentenversicherungen im Wettbewerb mit Fondsprodukten weniger attraktiv. Eine risikogerechtere Kalkulation, wie man sie aus der Berufsunfähigkeits‑ oder Pflegeversicherung kennt, wäre langfristig sinnvoll. Allerdings ist das aktuariell anspruchsvoll, denn moderne Erwerbsbiografien verlaufen selten linear. Menschen wechseln Berufe, Tätigkeiten und Belastungsprofile – eine starre Zuordnung zu einer einzigen Berufsgruppe über Jahrzehnte hinweg ist kaum realistisch.

Trotz dieser Herausforderungen bleibt eines klar: Die Absicherung des Langlebigkeitsrisikos ist das zentrale Alleinstellungsmerkmal der Versicherer. Fonds und Depots können Kapital aufbauen, aber sie können nicht garantieren, dass das Geld ein Leben lang reicht. Genau diese Garantie wird in einer alternden Gesellschaft wichtiger werden.

Kosten – wichtig, aber nicht der Kern der Entscheidung

Prof. Ortmann weist darauf hin, dass die Kostenfrage oft überbewertet wird. Die Effektivkostenquote, die häufig als Vergleichsmaßstab genutzt wird, hält er für wenig geeignet, da sie komplex ist und in bestimmten Konstellationen irreführend sein kann. Stattdessen plädiert er für ein einfaches, transparentes Kostenmodell:

  • Abschlussprovision
  • laufende Verwaltungskosten (beides bezogen auf den Beitrag)

Übermäßige Abschlusskosten sollten verboten werden, Kosten insgesamt gedeckelt. Das schafft Klarheit und Fairness.

Gleichzeitig betont Ortmann, dass die Kostenfrage nicht vom Wesentlichen ablenken darf: Entscheidend ist, wie viel Rente am Ende tatsächlich herauskommt – und ob diese Rente zum richtigen Zeitpunkt realisierbar ist. Prognosen helfen wenig, wenn die Rendite zum Rentenbeginn nicht realisiert werden kann.

Vermittler – warum Beratung unverzichtbar bleibt

Hier setzt Jörg Schmidt an. Er betont, dass die Reform zwar neue Produkte schafft, aber keine Antwort auf die zentrale Frage gibt, wie Menschen ohne Beratung eine sinnvolle Entscheidung treffen sollen. Der Staat stellt sich vor, dass ein Neuabschluss künftig auch ohne Beratung möglich sein soll. Für Schmidt ist das realitätsfern.

Die Altersvorsorge ist komplex. Sie hängt ab von Einkommen, Lebenslauf, Familienplanung, Risikotoleranz, Langlebigkeit und Kapitalmarktphasen. Standardisierte Produkte können diese Vielfalt nicht abbilden. Genau deshalb ist die qualifizierte Beratung durch Vermittler ein zentraler Bestandteil funktionierender Altersvorsorge.

Schmidt weist darauf hin, dass die Reform eine ordnungspolitische Grundsatzfrage berührt: Ein staatlicher Anbieter, der gleichzeitig die Regeln für den Markt definiert, deren Einhaltung überwacht und parallel ein eigenes Produkt anbietet, bewegt sich in einem Spannungsfeld, das Wettbewerb und Beratung beeinflussen kann. Aus seiner Sicht ist es problematisch, wenn dieselbe Instanz sowohl die Spielregeln setzt als auch selbst mitspielt.

Das birgt Risiken für die Markttransparenz, für die Rolle der Vermittler und letztlich für die Verbraucher. Denn wenn der Staat als Anbieter auftritt, entsteht zwangsläufig die Frage, wie unabhängig Beratung noch sein kann und ob ein fairer Wettbewerb zwischen staatlichen und privaten Lösungen gewährleistet bleibt. Für Schmidt ist das nicht nur eine Frage der Marktordnung, sondern auch der Glaubwürdigkeit der gesamten Rentenreform: Eine Reform, die Vertrauen schaffen soll, darf nicht den Eindruck erwecken, dass ein Anbieter gleichzeitig Schiedsrichter und Spieler ist.

Für Schmidt ist klar: Eine funktionierende Altersvorsorge braucht Beratung. Sie kostet Geld, aber sie verhindert Fehlentscheidungen, die Menschen über Jahrzehnte begleiten. Ein pauschaler Kostendeckel oder der Versuch, Beratung durch Standardprodukte zu ersetzen, greift zu kurz. Altersvorsorge ist kein Produkt, das man „klickt“, sondern eine Entscheidung, die man versteht.

Was Unternehmen und Politik leisten müssen

Prof. Ortmann fordert verlässliche, standardisierte Informationen für individuelle Konstellationen. Dazu gehören gedeckelte Kosten, eine verbraucherfreundliche Kalkulation der Langlebigkeit und eine verständliche Kommunikation der Kapitalmarktrisiken. Außerdem brauche es ein verbindliches Format, wie all diese Zahlen erklärt werden.

Schmidt konkretisiert: Automatisierte Berechnung ja, aber immer verbunden mit einem persönlichen Gespräch und einer klaren Dokumentation. Nur so entsteht Nachvollziehbarkeit und Sicherheit.

Auch die Politik ist gefordert. Transparenzpflicht, Beratungsvergütung und eine schrittweise Einführung des Standarddepots sind aus Sicht der Experten notwendig, um Verbraucher zu schützen.

Fazit

Die Reform kann die private Altersvorsorge modernisieren und vielen Menschen bessere Ergebnisse bringen. Entscheidend ist jedoch: Zahlen allein genügen nicht. Für jede Person müssen individuelle Kennzahlen bereitgestellt und in einem persönlichen Gespräch erklärt werden. Die Absicherung der Langlebigkeit bleibt das zentrale Argument für Versicherungsprodukte. Und die Frage nach den Kosten darf nicht vom Wesentlichen ablenken: Entscheidend ist, wie viel Rente am Ende tatsächlich herauskommt – und ob sie zum richtigen Zeitpunkt verfügbar ist.

Beratung ist dafür unverzichtbar. Sie ist kein Kostenfaktor, sondern ein Schutzmechanismus. Ohne sie bleibt die Reform ein technisches Konzept. Mit ihr wird sie zu einer Chance für Millionen Menschen.

Artikel von Alfred Hampp

Quelle:


von

BAC Berliner Assekuranz Club von 1877 e.V.

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