Pflege gehört zu den Themen, die viele Menschen gern auf später verschieben. Verständlich. Über Urlaub, Auto oder die nächste Wohnung spricht es sich schließlich angenehmer als über die Frage, wer irgendwann beim Waschen, Anziehen oder Essen helfen muss.
Nur leider interessiert sich die demografische Entwicklung wenig für unsere Gesprächsvorlieben.
Die Pflegeversicherung gerät zunehmend unter finanziellen Druck. Gleichzeitig steigen die Belastungen für Pflegebedürftige und ihre Familien. Nach aktuellen Zahlen lagen die durchschnittlichen Gesamtkosten, die Pflegebedürftige im ersten Jahr eines Heimaufenthalts selbst tragen müssen, zuletzt bei 3.364 Euro monatlich. Darin enthalten sind nicht nur die eigentlichen Pflegekosten, sondern auch Unterkunft, Verpflegung, Investitionskosten und weitere Bestandteile. Allein der pflegebedingte Eigenanteil lag durchschnittlich bei 1.775 Euro.
Damit wird aus einer sozialpolitischen Diskussion schnell eine sehr persönliche Frage:
Wer soll das bezahlen?
Der Pflegebedürftige selbst? Die Familie? Arbeitgeber und Arbeitnehmer über höhere Beiträge? Der Steuerzahler? Oder braucht Deutschland zusätzlich mehr private Vorsorge? Wahrscheinlich liegt genau darin eines der Probleme der gegenwärtigen Reformdiskussion: Eine einfache Antwort gibt es nicht. Beiträge allein werden das Problem kaum verschwinden lassen. Die gesetzliche Pflegeversicherung ist keine Vollkaskoversicherung. Sie übernimmt Leistungen bis zu gesetzlich festgelegten Grenzen. Die tatsächlichen Kosten können deutlich darüber liegen. Gleichzeitig wird darüber gestritten, wie stark Pflegebedürftige künftig selbst beteiligt werden können oder sollen. Diskutiert wird unter anderem über eine Begrenzung des pflegebedingten Eigenanteils. Doch selbst ein solcher Deckel würde beispielsweise Unterkunft, Verpflegung und Investitionskosten nicht automatisch erfassen.
Damit kommt man schnell zur nächsten unangenehmen Frage:
Wenn die Pflegeversicherung mehr bezahlen soll, wer finanziert die zusätzlichen Leistungen?
Höhere Beiträge sind die naheliegende Antwort. Ob sie die beste ist, steht auf einem anderen Blatt. Denn bereits heute konkurrieren Krankenversicherung, Rentenversicherung und Pflegeversicherung um dieselben beitragspflichtigen Einkommen. Einfach überall ein paar Zehntelprozentpunkte draufzulegen funktioniert mathematisch hervorragend. Auf der Gehaltsabrechnung sieht es gelegentlich weniger elegant aus.
Mehr private Vorsorge?
Damit wird ein Thema interessant, über das in der politischen Debatte erstaunlich wenig gesprochen wird: die Rolle privater Vorsorge. Wenn Pflegebedürftigkeit ein langfristig wachsendes finanzielles Risiko darstellt und die gesetzliche Pflegeversicherung nur einen Teil dieses Risikos übernehmen kann, stellt sich zwangsläufig die Frage, wie zusätzliche Finanzierung organisiert werden kann. Private Pflegezusatzversicherungen sind eine Möglichkeit. Kapitalgedeckte Vorsorge wäre eine weitere.
Doch auch hier beginnt die eigentliche Diskussion erst.
- Wie früh müsste Vorsorge beginnen?
- Wie lassen sich Beiträge bezahlbar halten?
- Wie verhindert man, dass zusätzliche Vorsorge nur diejenigen erreicht, die ohnehin über ausreichendes Einkommen verfügen?
- Und welche Rolle können Versicherer spielen, ohne dass aus einem gesellschaftlichen Problem lediglich ein neues Produktregal entsteht?
Die Versicherungswirtschaft sollte sich in die Diskussion einmischen
Genau hier wird das Thema auch für den Berliner Assekuranz-Club von 1877 e.V. (BAC) interessant. Denn eine Reform der Pflegeversicherung ist nicht ausschließlich eine Frage für Sozialpolitiker und Finanzwissenschaftler. Sie betrifft unmittelbar Versicherer, Vorsorgeanbieter, Arbeitgeber und letztlich Millionen Bürger. Deshalb wäre es zu einfach, nur darüber zu diskutieren, welchen Beitragssatz die Pflegeversicherung künftig braucht.
Die interessantere Frage lautet:
Wie könnte ein System aussehen, das gesetzliche Absicherung, Eigenverantwortung und zusätzliche private Vorsorge sinnvoll miteinander verbindet?
Vielleicht muss man dabei auch eine unbequeme Wahrheit akzeptieren:
Eine alternde Gesellschaft wird mehr Geld für Pflege aufbringen müssen. Die politische Kunst besteht deshalb weniger darin, den Bürgern zu versprechen, dass Pflege künftig günstiger wird. Sie besteht darin, ehrlich darüber zu diskutieren, wer welchen Teil der Rechnung übernimmt und wie früh wir anfangen müssen, dafür vorzusorgen. Denn spätestens wenn Pflegebedürftigkeit eintritt, ist die Diskussion über langfristige Vorsorge meistens ein wenig spät dran.
Autor: Alfred Hamp