Deutschlands Industrie steckt unter Druck. Hohe Energiekosten, Bürokratie und internationale Konkurrenz belasten die Unternehmen. Doch Industrieexperte Igor Röhrig warnt davor, die Ursachen ausschließlich außerhalb der eigenen Werkstore zu suchen. Denn viele Betriebe verlieren zusätzlich Wettbewerbsfähigkeit durch hausgemachte Führungs- und Organisationsprobleme. Der deutsche Maschinen- und Anlagenbau kommt nicht zur Ruhe. Im August 2026 gingen die Auftragseingänge laut Branchenverband VDMA gegenüber dem Vorjahresmonat real um fünf Prozent zurück. Besonders die schwache Nachfrage aus dem Inland bereitet Sorgen. Zwar verzeichnete die Branche in den ersten acht Monaten insgesamt ein leichtes Auftragsplus, eine nachhaltige Erholung ist jedoch nicht erkennbar.
Für Industrieexperte Igor Röhrig, Geschäftsführer der Röhrig Industrie Consulting GmbH, greift die öffentliche Diskussion dennoch häufig zu kurz. „Natürlich brauchen wir bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Aber Unternehmen müssen sich auch fragen, wie viel Geld und Wettbewerbsfähigkeit sie jeden Tag durch ihre eigenen Strukturen verlieren.“
Wenn Entscheidungen teurer werden als Energie
In vielen mittelständischen Industriebetrieben sind Prozesse über Jahrzehnte gewachsen. Was früher funktionierte, wird unter steigendem Kosten- und Wettbewerbsdruck zunehmend zum Problem. Entscheidungen durchlaufen mehrere Hierarchieebenen, Verantwortlichkeiten überschneiden sich und wichtige Informationen kommen zu spät dort an, wo sie benötigt werden. Die Folgen zeigen sich im Tagesgeschäft: Projekte verzögern sich, Maschinen stehen still, Kapazitäten werden falsch geplant und Mitarbeiter warten auf Entscheidungen. „Wenn fünf Führungskräfte ein Problem diskutieren, aber niemand die Verantwortung für die Lösung übernimmt, hilft auch die modernste Produktionsanlage nicht“, erklärt Röhrig.
Warum erfassen wir jede Minute Maschinenstillstand, aber nicht die Tage, die eine Entscheidung im Unternehmen liegen bleibt?“, fragt Röhrig.
Warum gute Strategien in der Praxis scheitern
Viele Unternehmen wissen durchaus, wo ihre Schwachstellen liegen. Sie erstellen Maßnahmenpläne, engagieren Berater und investieren in neue Technologien. Trotzdem verändert sich im operativen Geschäft erstaunlich wenig. Nach Röhrigs Erfahrung liegt das häufig an der fehlenden Umsetzung. Zwischen Geschäftsführung, Abteilungsleitung und Produktion gehen Entscheidungen verloren oder werden so lange abgestimmt, bis wertvolle Zeit verstrichen ist.
Dabei verlangt erfolgreiche Restrukturierung mehr als Kostensenkungsprogramme. Unternehmen müssen Abläufe vereinfachen, Verantwortlichkeiten eindeutig festlegen und Führungskräfte an konkreten Ergebnissen messen. Röhrig empfiehlt Geschäftsführern deshalb einen einfachen Praxistest: Welche drei Entscheidungen liegen seit Wochen auf dem Tisch und bremsen Aufträge, Projekte oder Produktion? Für jede dieser Entscheidungen sollte klar sein, wer sie treffen darf, bis wann sie getroffen wird und woran sich ihre wirtschaftliche Wirkung messen lässt – beispielsweise an Durchlaufzeiten, Liefertreue oder Projektmargen. „Wer Probleme seit Monaten kennt, aber keine Entscheidungen trifft, hat kein Erkenntnisproblem mehr. Er hat ein Führungsproblem“, sagt Röhrig.
Wettbewerbsfähigkeit beginnt im eigenen Unternehmen
Auch Digitalisierung und künstliche Intelligenz können ineffiziente Strukturen nicht automatisch beseitigen. Werden schlechte Prozesse lediglich digitalisiert, bleiben sie schlecht – nur möglicherweise schneller. Röhrig plädiert deshalb dafür, zunächst die operativen Grundlagen zu überprüfen: Wo entstehen unnötige Kosten? Warum dauern Entscheidungen zu lange? Welche Projekte binden Ressourcen, ohne ausreichende Ergebnisse zu liefern?
Mit seiner Röhrig Industrie Consulting GmbH begleitet er mittelständische Industrieunternehmen bei Restrukturierungen und operativen Veränderungen und übernimmt dabei auch Führungsverantwortung auf Zeit. Seine zentrale Botschaft: Der Industriestandort Deutschland braucht Reformen. Doch Unternehmen sollten nicht darauf warten, dass die Politik sämtliche Probleme löst. Ein Teil der verlorenen Wettbewerbsfähigkeit lässt sich bereits heute zurückgewinnen – durch klare Führung, schnellere Entscheidungen und konsequente Umsetzung.