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«Nachtlichter» gegen Gewalt: Prävention im Regenbogenkiez

Andreas Geisel, Innensenator von Berlin, spricht bei einem Pressetermin im sogenannten Regenbogenkiez. Foto: Christophe Gateau/dpa

Berlin (dpa/bb) - Berlins Schwulen- und Partykiez am Nollendorfplatz in Schöneberg ist berühmt für seine Kneipendichte und langen Nächte - und hat zugleich ein Kriminalitätsproblem. Immer wieder kommt es abends und nachts zu Diebstählen und Überfällen sowie homosexuellenfeindlichen Übergriffen. Nur ein kleinerer Teil dieser Taten im sogenannten Regenbogenkiez lande bei der Polizei, gaben Innensenator Andreas Geisel und Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (beide SPD) am Freitag bei einem Rundgang zu. «Es gibt eine Scheu davor, solche Straftaten bei der Polizei anzuzeigen», sagte Geisel. Bei dem schwulen Anti-Gewalt-Projekt Maneo würden doppelt so viele Taten gemeldet wie bei der Polizei.

Mit Präventionsprojekten namens «Nachtbürgermeister» und «Nachtlichter» versucht der Bezirk seit mehr als einem Jahr die Situation zu verbessern. Die Unterstützung solcher Projekte, auch in den anderen Bezirken, sei auch für die nächsten Jahre 2022 und 2023 im Haushaltsplan eingestellt, sagte Geisel. Alle Bezirke erhalten für diese Zwecke seit 2017 jährlich 150 000 Euro über die Landeskommission Berlin gegen Gewalt. Im kommenden Jahr will die Koalition aus SPD, Linken und Grünen zudem ein Landespräventionsgesetz beschließen, um ähnliche Maßnahmen auf Landes- und Bezirksebene dauerhaft zu festigen.

Das Team der «Nachtbürgermeister» sowie Kiezstreifen, die «Nachtlichter» genannt werden, arbeiteten vorbeugend, berichteten Vertreter. Auf den weißen Jacken der «Nachtlichter» steht: «Can I help you». In Zweierteams sind sie am Wochenende von 20.00 bis 02.00 Uhr auf der Straße unterwegs, sollen vor allem Präsenz zeigen, sind aber auch über das Handy alarmierbar. Die Nummern würden überall verteilt, auch bei Kneipenwirten und Anwohnern, die vom Lärm der Kneipenbesucher genervt sind.

«Die Idee dahinter ist: hinsehen, wo andere weggucken», sagte Geisel. Werden Menschen auf der Straße angepöbelt, sollen die Teams rechtzeitig eingreifen, reden, und aufkommende Aggressionen beruhigen. Das Projekt des Bezirks startete vor mehr als einem Jahr.

Schöttler sagte, das Nachtleben in dem Kiez würde Diebstahls- und Drogenkriminalität aber auch homophobe Gewalt anziehen. Nach den Schilderungen der Kiezstreifen suchen zum Teil aggressive junge Männer oder Jugendliche gezielt die Provokation von erkennbar schwulen Paaren oder Transsexuellen. Oft kämen die Täter aus der Einwandererszene, auf arabisch würde dann «Schwuchtel» gerufen. Schöttler betonte: «Die Gesellschaft muss hier klar zeigen, wo die Grenze ist.»

Für die Polizei ist die Situation nicht immer einfach, weil ein Teil des Kiezes sie ablehnt, räumte Stefanie Hoven, Leiterin des zuständigen Polizeiabschnitts ein. «Die Szene ist nicht homogen: Die einen fordern mehr Polizeipräsenz, die anderen wollen uns lieber nicht sehen.» Sie sagte: «Ich wünsche mir mehr Vertrauen zu uns.»

Die Schauspielerin und Kabarettistin Désirée Nick berichtete, sie sei in den 60er-Jahren in der Gegend aufgewachsen, ihr Schulweg zum Nollendorfplatz habe «durch ein absolutes Verelendungsgebiet geführt». Sie kenne den Stadtteil gut und wolle den Kampf gegen Angriffe und Beleidigungen unterstützen: «Noch heute werden Homosexuelle durch Übergriffe und Belästigungen diskriminiert. Homophobie ist keine Meinung, sondern ein Delikt.»

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