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Mehr Beschwerden: Zweifel an manchen Corona-Teststellen

Der Tupfer, mit dem ein Abstrich für einen Coronatest gemacht wird. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa/Symbolbild

Berlin (dpa/bb) - Corona-Schnelltests lassen sich in Berlin inzwischen beim Dachdecker, Bäcker oder in der Spielhalle machen. Auch vor mancher Stammkneipe geht der Wirt seinen Kunden vor dem Feierabend-Bier auf Wunsch erst einmal an die Nase. Amtsarzt Patrick Larscheid zweifelt allerdings an der qualitativen Arbeit mancher neuer Teststellen. In seinem Bezirk Reinickendorf beschwerten sich auch immer mehr Bürger. «Die einzige Kompetenz für eine Teststelle ist, draußen ein Schild aufhängen zu können», sagte Larscheid am Freitag der Deutschen Presse-Agentur.

Dabei gehe es nicht allein um fachgerechte Abstriche in Nase oder Rachen. «Dass dieses System zum Betrug einlädt, ist sicher nicht zu viel gesagt. Wenn man 200 Tests am Tag abrechnet, dann hat man im Quartal einen Bruttoumsatz von 324 000 Euro», sagt Larscheid. Doch wurden all diese Checks auch gemacht? Kontrollen sind schon deshalb schwierig, weil die Namen und Adressen der Testwilligen für die Abrechnung nicht weitergegeben werden dürfen. Datenschutz.

In Schöneberg reicht eine Frau in einem Kosmetikstudio ein Teststäbchen über den Tisch und zeigt auf die Nase: «Machst du rein in Loch, dann drehen fünf Mal». Ob Testwillige das befolgen und wie, interessiert niemanden. Nach wenigen Minuten ist das Negativ-Ergebnis da. In Neukölln wirbt ein Tester mit einem besonders angenehmen Verfahren: sanftes Streicheln mit dem Stäbchen ganz vorn an der Nase.

In Arztpraxen kann das ganz anders laufen: Dort kann ein Abstrich tief in Nase oder Rachen fast schmerzhaft ausfallen. Gefragt wird manchmal auch, ob der Testwillige kurz zuvor gegessen, getrunken oder geraucht hat. Bis das Ergebnis da ist, vergeht mindestens eine Viertelstunde.

Zur Zeit gebe es rund 1400 Schnelltest-Stellen in Berlin, sagt Larscheid. Mitte Mai waren nach den Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung 650 registriert. «Sie wachsen schneller aus dem Boden, als wir informiert werden, wo überhaupt eine ist», ergänzt der Amtsarzt. Das Reinickendorfer Gesundheitsamt gehe Bürgerbeschwerden nach und prüfe pro Tag 10 bis 15 Schnelltest-Orte. Mehr sei nicht zu schaffen.

«Wir haben eine Teststelle in einer Bäckerei erlebt», berichtet Larscheid. «Das sehen wir als sehr problematisch an.» Bei einem korrekt gemachten Abstrich müssten Menschen mitunter niesen oder husten. «In dem Moment haben sie ja keine Maske auf. Und dann spucken sie womöglich noch auf die Backwaren.» Auch, wenn sein Amt von technisch schlecht gemachten Abstrichen erfahre, ginge es dem nach. «Selbst aus Apotheken hören wir so etwas.» Manchmal häuften sich Beschwerden über bestimmte Test-Anbieter. «Wir haben da schon den richtigen Riecher.»

Die Gesundheitsämter sind für Kontrollen der hygienischen Umstände und medizinische Abläufe zuständig. Die Beauftragung einer Teststelle läuft auf Antrag hin jedoch über den Senat. Die Kosten vergütet der Bund pro gemeldetem Test. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Berlin nimmt die monatlichen Meldungen der entstandenen Kosten der registrierten Testanbieter entgegen. Überprüfen kann sie nach eigenen Angaben ausschließlich formale Aspekte.

Die KV Berlin hat für den Monat März rund 1,3 Millionen Euro und für den April - auch rückwirkend - rund 16,7 Millionen an die Teststellen-Betreiber ausgezahlt. Darüber hinaus wurden für die selbst beschafften und vorausgelegten PoC-Antigen-Tests rund 8 Millionen Euro erstatt, wie die KV Berlin auf Anfrage mitteilte.

«Dass medizinisch viel schiefläuft, müssen wir vor allem befürchten, wenn bei der kalten Witterung im Freien gearbeitet wird», sagt Amtsarzt Larscheid. Reagenzien und Tests funktionierten in der Regel nicht bei weniger als 15 Grad und seien dafür auch oft gar nicht zugelassen. «Dann ist klar: Dieser Test ist nichts wert. Wo wir das sehen, stellen wir es ab.» Bei extremen Verstößen könnten Gesundheits- und Ordnungsämter Teststellen auch schließen.

Für Larscheid waren Auswüchse im ansonsten ja sinnvollen Testsystem vorhersehbar - vor allem wegen der finanziellen Anreize und laxer Bestimmungen. «Das geht ja alles ohne Nachweis, so dass sich statt 78 gemachter Tests am Tag auch 200 abrechnen lassen», sagt er. «Ich als Arzt müsste für die Abrechnung sehr wohl Angaben zu meinen Patienten machen. Teststellen müssen das nicht.»

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