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«Keine Pflichtbesuche»: Berlin ergründet Scheu vor Museen

Klaus Lederer (Die Linke), Kultursenator von Berlin, spricht. Foto: Fabian Sommer/dpa

Berlin (dpa) - Mit der Erforschung kultureller Teilhabe setzt Berlin auf Wege zu potenziellen Besuchern, die bisher nicht oder kaum in Museen gehen. Die Einrichtungen gelten normalerweise als Publikumsmagneten. Doch wer kommt nicht zu Kunst und Ausstellungen? «Wir haben verschiedene Formen der Öffnung der Kultureinrichtungen begonnen», sagte Kultursenator Klaus Lederer der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Dazu zählt etwa die Einrichtung von eintrittsfreien Sonntagen einmal im Monat.

«Wir wollen spezifische Angebote ausbauen für unterrepräsentierte Gruppen», sagte der Linke-Politiker. «Programm, Personal und Publikum sind für die Verbreitung von Perspektiven in einer diverser werdenden Gesellschaft ein Schlüsselmoment dafür, solche Einrichtungen auch einem größeren Publikum zugänglich zu machen: Ich gehe nur dann dahin, wenn ich das Gefühl habe, dass ich mich selber in diesen Einrichtungen wiederfinde.» Dazu gehört aus Sicht Lederers etwa die Frage, welche Geschichten in den Häusern erzählt werden können, «um Menschen neugierig zu machen und einzuladen».

Lederer betonte: «Wir wollen keine Pflichtbesuche, das wäre nicht im Sinne des Erfinders und würde auch den Zweck nicht erfüllen.» Er verwies auf die Arbeit des Institut für Kulturelle Teilhabeforschung. Dort haben erste Studien ergeben, dass Bildung, Alter und Finanzen zu den stärksten Einflussfaktoren für kulturelle Teilhabe gehören.

Das bundesweit einzigartige Institut könne Kultureinrichtungen bei der Interpretation von Daten helfen, «um dann über die eigene Wahrnehmung und das eigene Publikum - auch über das, was vielleicht fehlt - zu reflektieren und sich neue Ideen und Strukturen auszudenken».

Solche Erkenntnisse sind nicht regional gebunden. «Es wird in der Arbeit einer solchen Institution auch methodische Erkenntnisse geben, die wiederum übertragbar sind auf andere Kommunen oder Länder, die ein solches Institut nicht dauerhaft etablieren und finanzieren wollen», sagte Lederer.

Die eintrittsfreien Sonntage sollen 2022 und 2023 fortgesetzt werden. Das kündigten die Verantwortlichen am Dienstag an. Zu den bisher sechs Tagen dieser Art kamen demnach rund 155 000 Besucherinnen und Besucher. Die Zahl der teilnehmenden Museen stieg seit dem Beginn im Juli auf inzwischen 64. Auch das Berliner Humboldt Forum, Prestigeobjekt der Bundeskultur, beteiligt sich mit den sonst kostenpflichtigen Sonderausstellungen. Die Museen sollten ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm bieten, um die Bandbreite von Kultur, Religion, Geschichte, Natur und Technik erfahrbar zu machen, hieß es.

«An den Häusern sind neue Formate entstanden. Bei der Konzeption spielen Barrierefreiheit, Spaß, Mehrsprachigkeit und Wissensvermittlung ebenso eine Rolle wie die Einladung zum selbst aktiv werden», berichtete Christine van Haaren, Leiterin für Bildung und Outreach an der Berlinischen Galerie.

Nach ersten Auswertungen durch das Institut finden neun von zehn beim Besuch Befragten die Initiative sehr gut. Für drei Viertel sei der freie Eintritt Anstoß gewesen, an diesem Tag ins Museum zu kommen. Der Großteil habe das Museum am eintrittsfreien Tag zum ersten Mal besucht. Umfassende Resultate der Studie wurden für den Sommer angekündigt.

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