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Hertha-Retter Dardai warnt und wartet

Der Berliner Trainer Pal Dardai. Foto: Uli Deck/dpa/Archivbild

Berlin (dpa) - Die Warnung von Pal Dardai an die Chefs von Hertha BSC ist deutlich. Zwar gelang es dem Vorzeigegesicht des Berliner Vereins mit seiner speziellen Art und einem wahren Kraftakt noch, seinen Club vor dem Absturz in Liga zwei zu bewahren. Doch von den Ambitionen des starken Investors Lars Windhorst ist Hertha ganz weit entfernt, machte Dardai zum Saisonabschluss drastischer denn je deutlich. «Wir haben es geschafft als Team, aber Hertha hat im Moment noch keine Mannschaft», sagte der Ungar. Eine Stammelf? Eine Achse? Fehlanzeige!

Dardai sieht seinen Herzensverein auch nach seiner erfolgreichen Rettungsmission weiter in einer gefährlichen Situation. «Du musst aufpassen, einen Umbruch nach dem Umbruch kannst du nicht machen.» Vor allem Führungs- und Mentalitätsspieler würden Hertha fehlen, erst recht nach dem Karriereende von Rio-Weltmeister Sami Khedira. «Ich bin überwiegend dankbar für die Erlebnisse in den vergangenen 15 Jahren. Es war mein Traumjob», sagte der Ex-Nationalspieler zum Abschied. Hertha brauche in Zukunft zwei, drei bestimmende Typen wie Khedira, um stabiler zu werden, betonte Dardai.

«Es ist ein riesen Umbruch gewesen, jetzt muss du die Analyse machen: Wer ist lernfähig? Wer ist geeignet für ein modernes System? Es gibt so viele Dinge zu tun für denjenigen, der in der nächsten Saison verantwortlich ist», sagte der 45-Jährige. Ob Dardai nach der Sommerpause derjenige sein wird, ist die spannendste Frage.

Für den neuen Sport-Geschäftsführer Fredi Bobic eine äußerst heikle Entscheidung: Fan-Liebling Dardai zu ersetzen, wäre gleich eine unpopuläre Maßnahme zum Amtsantritt. «Ich habe einen Bonus. Das hat tierisch geholfen dieses Jahr. So konnte ich die Mannschaft schützen, während es andere Trainer vielleicht mehr abbekommen hätten», erklärte Dardai selbst zu seiner besonderen Stellung in der Hertha-Familie und darüber hinaus. Platz 14 ist für ihn «ein halbes Wunder» - und doch eine Zukunftsbasis: «Wir waren zuletzt sehr erfolgreich. Die Jungs können lernen von dem halben Jahr.»

Andererseits will und wird der ehrgeizige Bobic unabhängig von seiner Hertha-Vergangenheit als Spieler wie zuletzt bei Eintracht Frankfurt neue Akzente setzen. Ein neuer Chefcoach könnte dazu gehören. Letztlich sei es die Wahl der Chefetage für einen Kurs, verdeutlichte Dardai: «Der Verein muss die Entscheidung treffen. Das ist Fußballphilosophie. Hertha soll groß werden. Aber das kannst du nicht, wenn du 20 Spieler holst. Das muss step by step gehen.»

Die Gefahren beim Durchdrücken des Big-City-Anspruchs mit Gewalt hat die abgelaufene Saison gezeigt. «Es gab diesen Moment, in dem man gespürt hat, dass Spieler, die eigentlich teure Leistungsträger sein sollten, nicht einmal eine normale taktische Ordnung halten können», berichtete Dardai. «Solche Schwierigkeiten habe ich noch nie gehabt.» Trotzdem dürfe man jetzt nicht wieder alles umkrempeln, höchstens vier, fünf Spieler austauschen, erklärte der 45-Jährige.

Dardai wird sich nach einem ersten Analysegespräch mit Sportdirektor Arne Friedrich, dessen Zukunft bei Hertha auch noch unklar ist, in sein Urlaubsdomizil am ungarischen Plattensee zurückziehen und auf Zeichen aus Berlin warten - unabhängig davon, ob er die Profis trainiere oder die U16. Geplant sind zunächst drei Wochen, «aber es können auch sechs werden», berichtete Dardai. «Ich kann nur eins sagen: Mein Job bei Hertha ist gesichert, wenn ich nicht mit dem Union-Trikot über den Ku'damm laufe.»

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