-

ADREXpharma: Verpasst Deutschland einen Milliardenmarkt?

ADREXpharma: Verpasst Deutschland einen Milliardenmarkt?. Foto: ADREXpharma®

Mario Eimuth sieht im EU-Ratsvorsitz den idealen Zeitpunkt für Deutschland, um sich mit geeigneten Strukturen als Big Player eines zukunftsträchtigen Milliardenmark-Markts zu positionieren. „Deutschlands traditionelle Industrien verlieren schon länger an Kraft“, sagt der Gründer des Pharma-Start-ups ADREXpharma im Interview Digitalisierung, alternative Energien, KI: Deutschland muss sich als Wissenschaft- und Wirt- schafts-Standort inzwischen hinterfragen. Verpasst der Staat auch in Sachen Medizin-Canna- bis gerade zukunftsträchtige Impulse?

Zum Glück sehe ich zumindest keine Gedankenverbote. Deutschland ist seit jeher ein Wissenschafts- und Pharmazie-Standort, diesen Ruf gilt es zu verteidigen! Parallel zu dem intensiveren Diskurs zum medizinischen Cannabis sollte man aber die Schaffung einer völlig neuen Industrie ernsthaft in Erwägung ziehen und den heimischen Markt gezielt stärken. Denn viele Industrien, die in Deutschland im 20. Jahrhundert führend waren, schwächeln und werden unter Umständen weiter an Kraft verlieren. Mit Blick auf die Digi- talisierung werden bestimmte Produkte, die es heute noch gibt, eines Tages verschwin- den, einfach weil sie nicht mehr gebraucht werden. Diese gesellschaftliche Entwicklung hat begonnen. Und sie wird sich in den nächsten zehn, zwanzig Jahren sehr schnell und dramatisch fortsetzen. Zukunftsforscher sehen ein Zeitalter voraus, das stärker entmate- rialisiert ist. Es wird weniger Konsum brauchen. Spirituelle Dinge erhalten einen höheren Stellenwert, desgleichen alles, was in Richtung Ernährung und Gesundheit geht. Und mit Blick auf die demographische Entwicklung werden sicherlich auch Schmerzmittel und Schmerztherapien stärker in den Fokus rücken.

Deshalb sehe ich in Sachen medizinisches Cannabis für die nächsten fünf bis zehn Jahre die Entstehung eines Milliardenmarktes. Das bestätigen viele Marktstudien. Es wäre also sehr sinnvoll, sich allmählich damit zu beschäftigen und den Markt dahingehend zu strukturieren. Ideal wäre es, in Europa einen guten Player-Standort zu kreieren.

Aktuell sind Wirtschaftshilfen in Höhe von 750 Milliarden verabschiedet, die EU-weit zur Verfügung gestellt werden. Da wäre es möglich, lohnenswert und weitsichtig, in einen Zukunftsmarkt und die europäische Cannabisforschung zu investieren.

Das Ganze gestützt von einem gesetzlichen Rahmen, der für alle EU-Länder verbindlich ist. Mit Deutschland im Vorsitz der EU-Ratschaft wäre dafür ein doppelt guter Zeitpunkt, aber auch darüber hinaus würde es Sinn machen, hier einen zukunftsweisenden Impuls zusetzen. Für die nächsten Monate hat man die Möglichkeit, Neues zu initiieren und dieses Thema ein Stück voranzutreiben sowie als Vorreiter für andere EU-Staaten zu fungieren. In etlichen Bereichen beginnt jetzt eine neue Zeit, das haben viele erkannt. Da sollten sämtliche Möglichkeiten und Chancen genutzt werden.

Welche Märkte können international als Vorbild gelten?

Rund um Cannabis ist längst eine völlig neue und weltweite Industrie entstanden. Im angelsächsischen Bereich, speziell in Kanada, wird diese Entwicklung stark vom Staat gefördert. Dort hat man schon vor einigen Jahren erkannt, dass sich hier unter Umständen ein völlig neuer und nötiger Industriezweig auftut, der in vielerlei Hinsicht attraktiv ist. Nachdem die weit verzweigte Landwirtschaft der Kanadier, deren Produkte zu großen Teilen in die USA gegangen waren, in hohem Maße Märkte verloren hatte, sind Züchter aus dem Feld der Landwirtschaft aus nicht mehr profitablen Anbaubereichen mit neuem Potenzial in den Cannabis-Markt eingestiegen. Dafür hat der Staat das Produkt über ein mehrstufiges System in den Markt eingeführt. Angefangen hat es mit Medizinal-Cannabis, dann ging es in den Freizeitbereich, und zuletzt wurde das Lebensmittel-Segment freigegeben.

So hat man gleich von Beginn an eine gewisse Hegemonialmacht erzeugt und regulatorisch unterstützt. Auch steuerlich wurde das vorbildlich abgegriffen, nicht anders als beim Alkohol. Auf lokaler Ebene zum Beispiel haben Gemeinden bestimmte Baugrundstücke vergünstigt ausgeschrieben und abgegeben. Bei der Suche nach geeigneten Mitarbeitern wurde Unterstützung angeboten. Auf nationaler Ebene bedeutet dieses Stufenmodell, dass Unternehmen mit größerer Sicherheit planen können.

So profitiert in Kanada die gesamte Gesellschaft davon. In den USA sehen wir einen ähnlich Prozess, allerdings auf Bundesstaaten-Ebene. Hier ist medizinisches Cannabis in 33 Bundesstaaten zugelassen, der „recreational“, also der Freizeit-Gebrauch ist nur in 13 erlaubt. Die Amerikaner springen auf neue Industrien immer ziemlich schnell an, da sind die deutlich weiter als wir. Und weil auch privates Geld zügiger in neue Industriebereiche fließt, profitieren so natürlich auch Startups. Darum wäre es in Deutschland wünschenswert, ähnlich wie im KI- oder im Wasserstoffbereich von staatlicher Seite Interesse zu signalisieren.

Hat oder braucht Cannabis möglicherweise mehr Lobby?

Lobbyarbeit im klassischen Verständnis ist hierzulande auch in traditionelleren Unternehmensfeldern längst nicht so verbreitet wie anderorts. Es gibt mittlerweile durchaus mehrere kleinere Verbände, den der Cannabisvertreibenden Apotheken, zum Beispiel. Oder den europäischen Hanfverband, den aber eher der Anbau interessiert.

Aber ja: Es gibt zu wenig Lobby. Das ist ja einer der Gründe für die sehr langsame Entwicklung. Allerdings bräuchte man für eine Lobby, die sich ja aus Mitgliedsbeiträgen finanziert, mehr Unternehmen, die in die gleiche Richtung gehen. Denn auch Lobbyarbeit muss bezahlt werden.

Dass mehr Interessens-Verzahnung nicht unattraktiv für den Wirtschaftsstandort Deutschland wäre, zeigt ein Vergleich mit der Entwicklung im Tech-Segment. Als vor 20 Jahren in USA Apple, Google, Facebook, Amazon starteten, waren gleich private Investoren im Boot. Diese Giganten sind heute unaufholbar. Nicht einmal auf europäischer Ebene kann ein deutsches Unternehmen ansatzweise mithalten. Ich glaube, so etwas muss für den Fall einer Cannabis-Industrialisierung also von vornherein mehrgleisig laufen: Auch der Staat müsste Interesse signalisieren, eine eigene Industrie mit aufzubauen und zu unterstützen.

Wäre eine „recreational“-Legalisierung von Cannabis, also der Freizeit-Gebrauch überhaupt hilfreich?

Wir sind ein Pharma-Unternehmen mit dem Ziel, einen therapeutischen Mehrwert zu schaffen. Wir möchten Cannabis als eine Therapieform darstellen und für den Patienten Sicherheit gewährleisten. Das Leisure-Segment, sprich der private Konsum, steht für uns als Unternehmen nicht im aktuellen Fokus. Sicherlich hätte eine Industrialisierung, wie ich es lieber nenne, einen positiven Abstrahleffekt in punkto Akzeptanz. Das sieht man vereinzelt im medialen Spektrum, wenn jemand wie Kourtney Kardashian erzählt, dass sie gegen Hautprobleme erfolgreich CBD-Produkte verwendet. Das wirkt natürlich besonders authentisch, weil sie nach außen eine perfekte Porzellanhaut zeigt. Und falls wir über Legalisierung sprechen, muss diese Entscheidung klar auf politischer und ge- sellschaftspolitischer Ebene fallen. Sollte es dazu kommen, geht es um die Ausgestaltung der entsprechenden Gesetze, inklusive einer klaren Steuerpolitik analog zur Alkoholindustrie und einer konsequenten Aufklärungskampagne über einen langen Zeitraum. Auch müsste man über die gesellschaftspolitischen Aufgaben sprechen. Ich befürworte beispielsweise keine Abgabe an Menschen unter 18 Jahren.

Wer sendet also den stärksten Impuls? Der Staat? Die Unternehmen? Der Patient?

Wir brauchen definitiv eine staatliche Öffnung. Aber auch die Nachfrage von Seiten der Patienten ist enorm wichtig, um darüber die Ärzte und das gesamte Gesundheitssystem stärker ins Thema zu holen. Die Pharmabranche wird diesen Ball nicht aufnehmen, aufgrund der regulatorischen Argumente. Für sie müssen die Distributionswege ja immer einen ausreichend großen Absatzmarkt bieten. Für einen Forschungsaufwand evaluiert sie die Marktgröße. Deshalb gehen viele gleich nach Amerika, wo sie einen relativ großen homogenen Markt haben, der über die gleichen Gesetze und über die gleiche Sprache gesteuert wird. Da erreicht ein Unternehmen auf Anhieb über 350 Millionen Menschen

Wird die Diskussion um eine Legalisierung mit Blick auf die Zielgruppen eventuell nicht differenziert genug geführt?

Wünschenswert wäre ein breiter Diskurs in der Gesellschaft. Der Austausch wird zum jetzigen Zeitpunkt durchaus differenziert und auch relativ regelmäßig geführt. Aus meiner Sicht wäre es aber gut und zielführend, wenn der Fokus dabei weniger auf dem Freizeit-Gebrauch läge. Darüber hinaus sollte der Diskurs unbedingt über parteipolitische Grenzen hinaus geführt werden, denn manche Parteien haben allgemein mehr Berührungsängste als andere. FDP, SPD und die Linke stehen der Causa Cannabis im Wesentlichen offen gegenüber. Die CDU/CSU und die AfD vertreten eine ablehnende Haltung. Und ich erachte es für unabdingbar, dass in irgendeiner Form ein gewisser Druck aus der Bevölkerung kommt. Die muss einen größeren Rahmen für Diskussionen und für zusätzliche Forschungen fordern.

Dafür würde helfen, wenn die Darreichungsform sich nicht mehr an historischen Dingen orientiert. Viele gehen immer noch davon aus, dass an Cannabis-Therapie interessierte Menschen in der Kiffer-Ecke stehen oder daher kommen. Kann man aber einen Cannabisextrakt mittels Pipette in Tropfenform einnehmen, wird dieser Stigmatisierung der Boden entzogen. Deshalb lancieren wir im dritten Quartal 2020 einen eigenen Extrakt.

Könnten wir also eines Tages Senioren und Opioid-Abhängige erleben, die gemeinsam für ihr Cannabis demonstrieren gehen?

Vielleicht nicht genau dieses Szenario, aber im Prinzip ist bei unserer demografischen und gesundheitlichen Entwicklung durchaus vorstellbar, dass die breite Bevölkerung hier aktiv und auch fordernd wird. Wir erleben derzeit ja, was möglich ist, wenn ein gesellschaftliches Interesse auf weiter Basis besteht. Weltweit forschen 120 Firmen an Covid- Impfstoffen.

Um die therapeutische Wirkung belastbar quantifizieren zu können, wird die aktuell laufende Begleiterhebung durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte sehr hilfreich sein, die erst in ab zwei Jahren verfügbar sein wird. Die Zahl der Verschreibungen steigt jährlich um 50 bis 80 Prozent, und jeder beteiligte Arzt füttert die Studie mit seinen Daten. Sie ist so angelegt, dass Erhebungen für unterschiedliche Indikationen vorbereitet werden sollen. Nach der Gesamtauswertung wird sichtbar sein, wo die größten Wirksamkeiten liegen. Ich bin sehr gespannt, was hier über die nächsten Jahre passieren wird. Wir brauchen auf alle Fälle noch etwas Geduld. Im Moment wissen wir nur, bei welcher Indikation verschrieben wird. Nach Ablauf der fünf Jahre wird man darüber hinaus wissen, bei welcher Therapieform Cannabis besonders erfolgreich war.

Für eine Legalisierung geht es bis dahin vor allem um die Hürde, dass die Diskussion zu ideologisch geführt wird. Eine öffentliche Diskussion würde sicher profitieren, wenn beispielsweise Patienten eine Stimme darin hätten, vielleicht sogar die Stimme von Prominenten, die sich da nach vorne trauen. Auch das ist in Amerika traditionell einfacher und hat dort häufig dazu geführt, dass Menschen sich mit neuen Ideen stärker auseinandersetzen. Diese Lotsenfunktion ist schon hilfreich.

Wie beurteilen Sie die aktuelle rechtliche Diskussion um medizinisches Cannabis in Deutschland?

Man darf nicht vergessen, dass in Deutschland die Cannabisverordnung 2017 aus der Not geboren wurde: aus einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, nach dem einem schwerkranken Menschen die Therapie mit Cannabis nicht verboten werden kann. Daraufhin haben damals die Regierungsparteien gesagt: Wir müssen dem einen Riegel vor- schieben, bevor jetzt jeder anfängt, Cannabis anzupflanzen, um sich selbst zu therapieren. Also wurde versucht, ein möglichst stringentes Regelwerk zu bauen, um das unter Kontrolle zu halten. Ich muss ganz klar loben: Was man dort geschaffen hat, ist im Verhältnis zu dem, was es dazu sonst in Europa gibt, ein sehr modernes Regelwerk.

Das mittelständische und unabhängige pharmazeutische Unternehmen ADREXpharma® GmbH hat Mario Eimuth mit zwei Partnern aus der Pharmabranche im Frühjahr 2018 gegründet. Die Firma mit Sitz in Koblenz ist auf die Entwicklung, Herstellung, Weiterentwicklung und Vermarktung von verschiedenen Darreichungsformen rund um Medizinal-Cannabis spezialisiert. ADREXpharma versteht sich als vielspektraler Anbieter in diesem jungen Markt.

Das derzeitige Produktportfolio besteht aus Ausgangsstoffen für Rezepturarzneimittel wie Cannabidiol und Dronabinol, aus Cannabisblüten, THC-Extrakten und einer Naturkosmetik-Linie. Damit deckt ADREXpharma als derzeit einziges deutsches Pharmaunternehmen neben dem therapeutischen und verschreibungspflichtigen Cannabis-Segment auch die medizinische Hautpflege ab. Cannabis importiert das Unternehmen aus den Niederlanden und Kanada und beliefert bundesweit Apotheken und Großhändler. Das ganzheitliche Unternehmens-Engagement ergänzen Product Research und Deve- lopment sowie Schulungen und fundierte Aufklärung für Apotheken und Ärzte. Der Ver- triebsweg wird ausschließlich über den deutschen vollsortieren Großhandel und die Apotheke gesteuert. ADREXpharma verfügt sowohl über eine Großhandelserlaubnis nach §52 AMG, eine Genehmigung zum Umgang mit Betäubungsmitteln (BtMg §3) als auch über eine Importerlaubnis nach §72 AMG und eine API Lizenz.

Erklärtes Ziel von Gründer Mario Eimuth ist es außerdem, der Thematik Medizinal-Cannabis ein Gesicht und einen Namen zu geben. Vor diesem Hintergrund ist als nächster Schritt geplant, das in Deutschland und Europa große Wissen über Phytopharmaka und Arzneimittel pflanzlichen Ursprungs seitens Universitäten und Forschungseinrichtungen zu nutzen, um Kooperationen zur Herstellung eines cannabisbasierten Fertigarzneimit- tels zu entwickeln. Konkrete Gespräche erfolgen bereits.

Eine Pressemitteilung der Firma ADREXpharma® | Mario Eimuth 


WERBUNG!

WERBUNG! Die geplante neue Küche sehen Sie gleich durch eine 3D Brille!